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Aberglauben auf dem Rückzug

Es war einmal eine Welt voller Magie.

Gewitter und Erdbeben wurden durch den Zorn der Götter erklärt.

Verrückte waren von Dämonen besessen.

Erfolg wurde auf die Gunst der Götter oder gute Taten im vorherigen Leben zurückgeführt.

Aber es gab Menschen, die zu wissbegierig waren, um sich mit “Magie” als Antwort auf diese Fragen zufrieden zu geben. Trotz ihrer eigenen Irrtümer und des Widerstands ihrer Gegner trug jeder von ihnen einen kleinen Teil zur Entzauberung des Regenbogens bei und viele fanden die darin enthaltene Wahrheit schöner als sogenannte “Mysterien”.

Millionen beharrten jedoch auf dem Übernatürlichen. Unsere Gehirne sind schließlich für Aberglauben geschaffen. Religion ist natürlich; Wissenschaft und Wahrscheinlichkeitstheorie nicht.
Unser extrem hartnäckiges Bedürfnis hinter Ereignissen, deren Ursachen wir noch nicht kennen, sofort einen planenden Geist zu vermuten, kognitive Verzerrungen, und all das.

Aber Astronomen sagten Sonnenfinsternisse vorher, was Schamanen nicht konnten, und Ärzte heilten jene, denen Priester nicht helfen konnten. Nach großem Widerstand überließen die Anhänger des Übernatürlichen die Bewegungen der Sterne und Planeten der Physik. Später wurden Keime und Viren von ihnen als Erklärung für Krankheiten akzeptiert. Sie gaben elan vital auf und ließen sich von Biologie und Biochemie überzeugen. Sie überließen psychische Erkrankungen der Neuropsychologie. Magische Erklärungen wichen vor dem Licht der Wissenschaft zurück: Der Aberglauben befand sich auf dem Rückzug.

Tim Minchin hat die Sache auf den Punkt gebracht:

Jedes ursprünglich geheimnisvolle Rätsel hatte letztendlich eine Lösung, die… nicht magischer Natur war.

Besonders in den dunklen Ecken menschlichen Unwissens – wie Entstehung des Kosmos, Bewusstsein oder Intelligenz – gärt magisches Denken. William James verachtete es:

Wenn man sich zum großartigen Gebäude der physikalischen Wissenschaften wendet, und sieht wie es entstanden ist; die tausenden von selbstlos und moralisch geführten Leben, auf deren Kosten allein das Fundament errichtet wurde; die Geduld und Entsagung, die Demut, mit der die eisigen Gesetze objektiver Fakten ertragen wurden sind in Stein und Mörtel geschrieben… Wie töricht und verachtenswert scheint dann jeder dahergelaufene Gefühlsmensch, der auf Teufel komm raus seine Rauchzeichen herauspustet und vorgibt, seine Entscheidungen aufgrund träumerischer Eingebungen zu treffen!

Selbst Wissenschaftler und Reduktionisten kann man beim magischem Denken erwischen, denn wir alle haben “vorgefasste Ansichten” (cached thoughts); das menschliche Gehirn stellt nicht automatisch Konsistenz unter allen seinen Ansichten her. So kann es passieren, dass ein Neurowissenschaftler glaubt, dass Bewusstsein nicht aus Atomen gebildet wird. Somit kann es geschehen, dass ein Psychologe sagt, dass Menschen kontra-kausalen freien Willen haben, im Gegensatz zu allen anderen Tieren und im Widerspruch zu den Gesetzen der Physik.

Dadurch kann es geschehen, dass Philosophen behaupten, dass Maschinen nicht denken können, oder dass Informatiker davon ausgehen, dass menschliche Intelligenz eine nicht zu übertreffende Grenze darstellt, oder dass KI-Forscher glauben, dass Maschinen notwendigerweise umso ethischer werden, desto klüger sie werden.

Betrachten wir einen dieser Irrtümer genauer – die Idee, dass menschliche, “allgemeine” Intelligenz außergewöhnlich ist, und durch Maschinen nicht erreicht werden kann – und wir sehen, wie hier der Aberglaube zurückweicht.

Ray Kurzweil fügte den folgenden Cartoon seinem Buch von 1999 bei:

Hier sehen wir einen die Menschheit symbolisierenden Mann, der verzweifelt Tätigkeiten auflistet, die nur von Menschen verrichtet werden können, aber die Zettel werden fast genauso schnell obsolet, wie er sie an die Wand heften kann. Maschinen können bereits Musik komponieren, Schach und Jeopardy! spielen, Sprache verstehen, Aktien auswählen, Raketen lenken, Gesichter erkennen, Krankheiten diagnostizieren, und vieles mehr. Als Ray den Cartoon veröffentlichte, konnten Maschinen noch nicht Auto fahren, aber jetzt können sie das.

Es stimmt, dass es viele Dinge gibt, die Maschinen noch nicht tun können, aber jene von uns, die diese Fakten dazu benutzen, um die unerreichbare Sonderstellung der menschlichen Intelligenz zu verteidigen, erinnern mich an jene, die die Mysterien des Bewusstseins oder des Ursprungs unseres Universums verwenden, um für die Existenz Gottes argumentieren. Es ist ein aussichtsloser Kampf.

Ja, es fühlt sich an, als ob das Schreiben von Romanen und das Betreiben von Wissenschaft nur Menschen möglich wäre, weil seit der Entstehung des Lebens vor 4 Milliarden Jahren Menschen immer noch die einzigen sind, die dies tun können. Aber bedenke: 99.99995% dieser Zeit gab es keine einzige Spezies, die Romane schreiben oder Wissenschaft betreiben konnte. Im Nachhinein wird sich herausstellen, dass das menschliche Gehirn das erste von vielen möglichen Bewusstseinsformen war, welche Romane schreiben und Wissenschaft betreiben, und dies nur durch den unbedeutenden Vorsprung von wenigen Jahrtausenden.

Genau genommen betreiben Maschinen schon jetzt Wissenschaft. 2009 wurde ein Roboter namens Adam mit dem Wissen über Hefe ausgestattet, und stellte daraufhin seine eigenen Hypothesen auf, testete sie, bewertete die Ergebnisse, und machte eigene wissenschaftliche Entdeckungen. Das selbe Team arbeitet nun an einer noch leistungsfähigeren Wissenschaftler-KI namens Eva.

KI lässt sich nicht mehr aufhalten. Wieso sollte sie sich auch aufhalten lassen, da doch Intelligenz (d.h. effiziente, bereichsübergreifende Optimierung) nichts anderes als Informationsverarbeitung ist, und menschliches Gewebe keineswegs das einzige Substrat für Informationsverarbeitung ist. Deshalb können wir Maschinen bauen, die Schach spielen, Musik komponieren, und Wissenschaft betreiben, und deshalb können wir auch allgemeine, künstliche Intelligenz erschaffen, die menschlicher Intelligenz in nichts nachsteht.